Teil 3: Parallelwelten
Über das Nebeneinander widersprüchlicher Realitäten
Während die Öffentlichkeit Jack Unterweger als Reporter, Medienfigur und Gesprächspartner wahrnahm, entwickelte sich im Hintergrund eine andere Realität. Leise, unscheinbar, kaum bemerkbar - und doch vorhanden. Die beiden Ebenen liefen lange nebeneinander, ohne sich sichtbar zu berühren.
Die ersten Hinweise darauf traten auf, lange bevor sich ein Gesamtbild abzeichnete.
Unter diesen frühen Spuren befand sich ein Fall, der später als Ausgangspunkt für die Ermittlungen dienen sollte: der Mord an Margret S.
Der erste Mord und ein früher Verdacht
Bevor Jack Unterweger als Autor wahrgenommen wurde, bevor er als Hoffnungsträger der Resozialisierung galt, war er wegen Mordes verurteilt worden. 1974 tötete er die 18-jährige Margret S. Das Gericht sprach eine lebenslange Haftstrafe aus.
Bereits im Zusammenhang mit diesem Delikt tauchten Hinweise auf, die später erneut Bedeutung erlangen sollten. Ein Jahr vor dem Mord an Margret S. war in Salzburg ein junges Mädchen getötet worden. Der Kriminalbeamte August Schenner äußerte damals den Verdacht, dass auch dieses Verbrechen Jack Unterweger zuzurechnen sein könnte. Zu einer Anklage kam es nicht. Der Verdacht blieb aktenkundig, aber unbelegt.
In den Jahren nach Jack Unterwegers Entlassung Anfang der 1990er wurden mehrere Frauen ermordet. Es handelte sich um Prostituierte, die in Wien, Graz und später auch im Ausland tätig waren. Die Fälle wirkten zunächst nicht zwingend zusammengehörig. Einzelne Tötungsdelikte, verstreut, ohne sofort erkennbare Verbindung.
Erst rückblickend ließ sich erkennen, dass diese Fälle zeitlich und räumlich in jene Phase fielen, in der Unterweger öffentlich als Reporter tätig war und sich beruflich wie privat an unterschiedlichen Orten aufhielt. Zum damaligen Zeitpunkt blieb diese Überschneidung jedoch unbeachtet. Sie veränderte weder seine öffentliche Rolle noch die bestehende Wahrnehmung seiner Person.
Öffentliche Präsenz und journalistische Arbeit
Parallel dazu weitete Jack Unterweger seine journalistischen Tätigkeiten aus. Er arbeitete für Radio und Fernsehen, unter anderem für Ö1 und Ö3, führte Interviews und recherchierte für Formate wie Journal Panorama. Zudem schrieb er rund 120 Episoden für die Kinderradiosendung Das Traummännlein kommt.
Seine Arbeitsweise galt als präzise und reflektiert. Besonders seine Gespräche mit Prostituierten wurden als respektvoll und sachlich wahrgenommen. Er bewegte sich in einem Umfeld, das er bereits aus früheren Lebensphasen kannte. Er recherchierte im Prostitutionsmilieu, führte Gespräche, begleitete Frauen bei ihrer Arbeit, stellte Fragen zu Lebensbedingungen, Gefahren und zum Verhältnis zur Polizei. Dabei trat Jack Unterweger öffentlich für deren Schutz und für eine differenzierte Betrachtung dieses Milieus ein. Seine Fragen waren klar, strukturiert und frei von Sensationslust.
In Radiosendungen wie Journal Panorama trat Unterweger als strukturierter, ruhiger Interviewer auf. Er ließ seine Gesprächspartnerinnen ausreden, stellte offene Fragen und verzichtete auf moralische Kommentierung. Die Beiträge wirkten sachlich, teilweise empathisch, nie aufdringlich. Für viele Zuhörer entstand der Eindruck eines Reporters, der Zugang fand, ohne Grenzen zu überschreiten.
Diese journalistische Arbeit war bemerkenswert und wurde anerkannt. Unterweger galt als jemand, der zuhören konnte und dem man Vertrauen entgegenbrachte. Diese Form der Gesprächsführung wurde als respektvoll wahrgenommen. Sie unterschied sich deutlich von anderen medialen Darstellungen des Milieus. Er selbst betonte, mit früheren Lebensabschnitten abgeschlossen zu haben.
Dieses Vertrauen spiegelte sich auch in seiner gesellschaftlichen Präsenz wider. Parallel zu seiner medialen Tätigkeit bewegte sich Unterweger selbstverständlich im gesellschaftlichen Leben der Stadt. Er verkehrte in Kreisen der Wiener Kulturszene, war auf Veranstaltungen, Empfängen und privaten Einladungen präsent. Zeitgenossen beschrieben ihn als charismatisch, kommunikativ und beliebt. Er war von Frauen umgeben, galt als aufmerksam und charmant.
Unterweger bewegte sich nicht im Verborgenen. Er fuhr einen Ford Mustang mit einem personalisierten Kennzeichen – W-JACK 1. Seine Präsenz war öffentlich, sein Auftreten selbstbewusst. Es gab zu diesem Zeitpunkt keinen Anlass, ihn infrage zu stellen.
In der öffentlichen Wahrnehmung passte dieses Auftreten zu jenem Bild, das sich seit seiner Haftentlassung etabliert hatte: der geläuterte Autor, der seine Vergangenheit nicht leugnete, sondern produktiv in gesellschaftliche Arbeit überführte.
In dieser Phase kam es zu einer Besonderheit, die später Bedeutung erlangen sollte: Jack Unterweger stand nicht nur als Journalist mit Personen aus dem Milieu in Kontakt, sondern auch mit Ermittlern, nicht nur in Österreich, sondern auch in Los Angeles. Er begleitete Recherchen, führte Gespräche, bewegte sich im Umfeld von Ermittlungen und Tatorten - offiziell im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit.
Zur gleichen Zeit verschwanden an unterschiedlichen Orten mehrere Frauen. Zunächst wurden diese Fälle einzeln behandelt. Vermisstenmeldungen erfolgten spät oder gar nicht. Die Betroffenen stammten aus dem Prostitutionsmilieu. Die Ermittlungen begannen jeweils separat, häufig zeitverzögert. Ein Zusammenhang war zunächst nicht ersichtlich.
Erst nach und nach traten Übereinstimmungen zutage. In mehreren Fällen wurden die Frauen mit Kleidungsstücken - BHs oder Strumpfhosen-erdrosselt. Die Knotentechnik ähnelte sich. Auch die Auffindesituationen der Körper wiesen Parallelen auf. Diese Merkmale wurden jedoch zunächst nicht als Teil eines einheitlichen Tatgeschehens gewertet.
Mit der Zeit dehnten sich die Ermittlungen über Österreich hinaus aus. Auch in Prag und den USA kam es zu Tötungsdelikten an Frauen aus demselben Milieu, deren Umstände Ähnlichkeiten aufwiesen. Die Fälle wurden international bearbeitet, ohne dass zu diesem Zeitpunkt eine Verbindung hergestellt werden konnte.
Zu diesem Zeitpunkt galt Jack Unterweger weiterhin als Journalist.
Noch trat er als Reporter auf, als Gesprächspartner, als jemand, der recherchierte und fragte.
Noch war er nicht Gegenstand von Ermittlungen, sondern Teil der Berichterstattung darüber.
Die Tötungsdelikte wurden getrennt behandelt, Zuständigkeiten lagen in unterschiedlichen Ländern, die Spuren verliefen nebeneinander.
Was fehlte, war nicht das Material. Sondern der Zusammenhang.
Teil 4 setzt dort an, wo sich der Blick der Ermittlungen veränderte - nicht durch einen neuen Fund, sondern durch eine neue Lesart bereits bekannter Informationen. Dem Moment, wo Ermittler begannen, bekannte Informationen neu zu ordnen und einzelne Tötungsdelikte nicht länger isoliert zu betrachten - und erstmals auch Personen aus dem Umfeld der Recherchen in den Fokus rückten.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen