Jack Unterweger - Intelligenz, Inszenierung und ein österreichischer Kriminalfall. Eine Analyse zwischen Literatur, Medien und Verbrechen

Prolog 

Kriminalfälle haben mich schon immer fasziniert, nicht aus Sensationslust, sondern aus dem Wunsch heraus zu verstehen, wie Verbrechen entstehen, wie sie möglich werden - und wie Gesellschaft, Medien und Justiz damit umgehen. Ich bin leidenschaftliche Aktenzeichen XY...ungelöst -Zuseherin - diese Sendung ist mittlerweile ja auch so etwas wie eine Chronik der spektakulärsten Fälle im deutschsprachigen Raum und viele Verbrecher, die später wegen ihrer Taten berühmt oder besser berüchtigt wurden, waren auch einmal Teil dieser Öffentlichkeitsfahndung und üben noch heute eine gewisse Faszination aus. Manche Fälle erinnern fast an einen Hollywoodstreifen. Mich interessiert oft weniger die Tat selbst, sondern vielmehr stelle ich mir die Frage: Wie konnte es soweit kommen? Welche Muster wurden übersehen, welche Warnzeichen ignoriert, warum wurden Geschichten geglaubt?

In dieser mehrteiligen Reihe möchte ich mich einem Mann widmen, der besonders viele Menschen in seinen Bann gezogen hat, einer der umstrittensten Figuren der deutschsprachigen Kriminalgeschichte und dem wohl spektakulärsten Kriminalfall Österreichs. Vielleicht habt ihr schon von ihm gehört. Von Johann Unterweger, genannt Jack - dem Literaturstar, dem Journalisten, der schillernden Ikone, dem Frauenschwarm, dem Menschenfänger, dem Serienmörder

Dem Mann, der sich im wahrsten Sinne des Wortes mit zahlreichen prominenten Unterstützern und Fürsprechern aus der Haft herausschrieb und als ,,Häfnpoet" bekannt wurde (,,Häfn" ist das umgangssprachliche Wort für Knast in Österreich). Der als Beweis gelungener Resozialisierung gefeiert und zur Projektionsfläche wurde. Dem charmanten Gesprächspartner in Interviews, dem man zuhörte und bewunderte. Dem Mann, der aus dem Gefängnis heraus Karriere machte. Dem Mann, dem man Läuterung zuschrieb, der zur Kultfigur und dann doch zum Serienmörder wurde. Dem Mann, dessen Geschichte schließlich in einer der größten juristischen und gesellschaftlichen Erschütterungen des Landes endete.

Der Fall Jack Unterweger ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich und einzigartig. Er gilt als erster Serienmörder der Republik Österreich, als ein Täter mit internationaler Dimension, dessen Leben Literatur, Medien, Justiz, Psychologie und Öffentlichkeit auf beunruhigende Weise miteinander verknüpft. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht den Fall so verstörend - und irritiert.

Diese Reihe ist kein Urteil. Das überlasse ich den Gerichten. Sie ist ein Versuch zu verstehen:

  • wie ein Mensch gleichzeitig gefeiert und gefürchtet werden konnte
  • wie Literatur, Medien und Öffentlichkeit Teil einer Inszenierung wurden
  • wie Warnzeichen übersehen wurden
  • und wie sich Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und fehlende Empathie verbinden konnten
Diese Reihe ist auch keine Anklage und keine Verteidigung. Sie ist ein Versuch, zu verstehen, ohne zu rechtfertigen. Zu analysieren, ohne zu bewerten. Einen Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit zu betrachten, ohne die Opfer aus dem Blick zu verlieren.

Vom Täterbild zum Autor

Bevor von Morden, Ermittlungen und psychologischen Diagnosen die Rede sein kann und man Jack Unterweger als Täter verstehen kann, muss man ihn dort betrachten, wo er selbst am liebsten gesehen wurde: als Autor.
Noch bevor sein Name untrennbar mit Gewalt verbunden war, wurde er als literarische Stimme wahrgenommen. Seine Texte erschienen in der Literaturzeitung Wort - Brücke, seine Bücher u.a. Fegefeuer und Mare Adriatico fanden Beachtung, Theaterstücke wurden aufgeführt. Unterweger inszenierte sich - und wurde inszeniert - als sensibler, reflektierter Schriftsteller.

In den kommenden Teilen dieser Reihe nähere ich mich Jack Unterweger Schritt für Schritt: über seine Texte, seine öffentliche Rolle, seine Karriere, die Mordfälle - und schließlich seiner Persönlichkeit und der schmalen Gratwanderung zwischen künstlerischem Ausdruck und Selbstinszenierung. Dabei stütze ich mich auf öffentlich zugängliche Quellen, Bücher (u.a. Mordsmann geschrieben von Ernst Geiger, Chefermittler der Sonderkommision im Kriminalfall Jack Unterweger), Dokumentationen und Interviews. Aus Respekt vor den Betroffenen werden Opfer und Zeugen anonymisiert und Fakten klar von Deutungen getrennt.

Ziel dieser Reihe ist nicht zu bewerten, sondern zu verstehen, wie ein Mensch mit dieser Biografie entstehen konnte. Was nun folgt ist ein Blick auf den größten Kriminalfall Österreichs ohne Dämonisierung und Rechtfertigung. 







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