Teil 6: Die Person hinter dem ,,Popstar - Mörder"
Über einen Mann, der vielleicht zum Film gehört hätte - aber stattdessen zum Kriminalfall wurde
Meta-Klammer: Warum dieser Text nicht empört ist
Diese Blogreihe ist kein Urteil. Urteile haben Gerichte gefällt - und sie sind bindend. Was hier entsteht, ist etwas anderes: ein Versuch zu verstehen. Nicht aus Provokation, nicht aus Sensationslust, sondern aus dem Bedürfnis heraus, Komplexität ernst zu nehmen.
Ich schreibe bewusst ohne moralischen Zeigefinger. Nicht, weil die Taten belanglos wären - sie sind es nicht -, sondern weil Empörung selten erklärt und lediglich vereinfacht. Dokumentationen, die ihre Haltung vor sich hertragen beruhigen das Publikum, aber sie verhindern Erkenntnis.
Mich interessiert nicht das einfache Etikett. Mich interessiert der Mensch - in seinen Widersprüchen, in seiner Wirksamkeit, in seinen Grauzonen. Ich möchte verstehen, wie ein Mensch wirken konnte, wie er dachte, sprach, Beziehungen einging - und warum so viele ihm folgten, ihm glaubten, ihm vertrauten. Nicht trotz seiner Taten, sondern zeitlich parallel zu ihnen. Ich möchte verstehen, wie jemand zugleich sensibel, sprachlich brillant, aufmerksam gegenüber anderen - und unfähig zur Empathie für die eigenen Taten sein konnte.
Verstehen heißt hinschauen - ohne zu entschuldigen.
Diese Annäherung verzichtet bewusst auf moralische Kommentierung. Nicht, weil die Taten relativiert würden, sondern weil Verständnis eine andere Sprache verlangt als Urteil. Wer sich dieser Geschichte nähert, tut dies nicht, um zu verurteilen, sondern um zu verstehen - die Ambivalenz, die Intelligenz, die Wirkung, die Widersprüche und die Facetten eines Menschen, der gleichzeitig fasziniert und erschreckt.
Ich vertraue darauf, dass Genauigkeit stärker ist als Urteil. Dass ich Fähigkeiten anerkenne, bedeutet keine Entlastung. Es bedeutet lediglich, dass ich Menschen nicht auf ihre schlimmste Tat reduziere. Wer verstehen will, wie Charisma wirkt, wie Manipulation funktioniert und warum Warnzeichen übersehen werden, muss bereit sein, auch das Beeindruckende zu sehen - ohne es zu feiern.
Wie Columbo es einmal formuliert: Man kann etwas an einem Menschen sehen, das bemerkenswert, talentiert oder sogar sympathisch ist - ohne das zu mögen, was er getan hat. Diese Trennung ist unbequem. Aber sie ist notwendig, wenn man verstehen will, warum jemand wie Jack Unterweger wirken konnte, wie er wirkte.
Und aus dieser Perspektive nähere ich mich ihm.
Jack Unterweger ist mehr als eine Tat, mehr als ein Urteil.
Wer begreifen will, wie ein Mensch gleichzeitig charismatisch, sprachlich brillant und zutiefst zerstörerisch sein konnte, muss bereit sein, die Facetten hinter der öffentlichen Figur zu betrachten. Nur dort, in den Grautönen, wird sichtbar, wie Intelligenz, Anpassungsfähigkeit, Charme und fehlende Empathie miteinander verwoben waren.
Teil 5 endete mit einem Moment der Resignation.
Teil 6 beginnt mit der Frage, die sich danach aufdrängt:
Wer war dieser Mensch eigentlich?
Sprache, Wirkung und Charisma
Margit H., eine langjährige Bekannte Jack Unterwegers, sagte in einer Dokumentation, er habe einen sehr schnellen Geist gehabt. Er sei in der Lage gewesen, Menschen innerhalb von dreißig Sekunden zu ,,scannen"- erkennen, wie sie ticken, was sie fühlen, wo ihre Schwächen lagen.
Diese Einschätzung wirkt zunächst beiläufig. Tatsächlich beschreibt sie eine Fähigkeit, die für das Verständnis von Jack Unterweger zentral ist: die rasche Wahrnehmung sozialer Resonanz. Unterweger schien intuitiv zu erkennen, bei wem Sprache Verbindung herstellen konnte - und bei wem nicht.
Sprache war Unterwegers stärkste Waffe. Er hatte sie sich im Gefängnis angeeignet, geschärft, perfektioniert. Er wusste, wie Worte wirken, wie sie Nähe erzeugen, Vertrauen herstellen, Kompetenz simulieren oder tatsächlich vermitteln. Sprache war für ihn nicht Ausdruck - sie war Instrument, das er gezielt einsetzte.
In vielen Situationen funktionierte dieses Werkzeug bemerkenswert gut. Journalisten, Moderatoren, Bekannte beschrieben ihn als reflektiert, höflich, zugewandt. Gespräche mit ihm konnten leicht, fast spielerisch wirken - selbst dort, wo die Umstände schwer waren. Sprache war für ihn nicht nur Kommunikation, sie war Bühne und Wirkung.
Diese Wirksamkeit erklärt einen Teil seiner Faszination. Er sprach ruhig, präzise, ohne Hast. Er konnte Gefühle anderer benennen, spiegeln, einordnen - ohne sie selbst zu empfinden. Empathie nach außen, Leere nach innen. Eine Kombination, die selten ist und hochwirksam.
Selbst Ermittler wie Ernst Geiger, die ihm begegneten und konfrontierten, wurden Teil seines Spiels. In einem Interview erinnerte sich Geiger, dass Unterweger ihn in einem seiner Romane spöttisch „Geifer“ statt Geiger nannte - ein kalkulierter Angriff und subtile Provokation, die gleichzeitig seinen schnellen, scharfen Verstand unter Beweis stellte.
In Los Angeles berichteten Ermittler, dass sie gelegentlich sogar über seine Scherze lachen mussten. Nicht aus Naivität, sondern weil er Situationen kommunikativ zu entspannen verstand. Humor fungierte als Kontaktangebot - und zugleich als Test. Wer lachte mit, wer blieb distanziert? Unterweger schien diese Reaktionen genau zu registrieren. Er konnte Nähe herstellen, ohne sie selbst zu empfinden; er verstand Gefühle anderer und wusste, wie sie auf Worte reagierten - und doch fehlte ihm die Empathie für das, was er selbst anrichtete.
In Mordsmann findet sich eine Szene mit dem Journalisten Ronnie Lancaster, die diesen schnellen Geist beinahe protokollarisch sichtbar macht. Noch während Lancaster mit Jack Unterweger vor dem Gerichtsaal spricht, kombiniert dieser Informationen, erkennt Zusammenhänge, antizipiert Aussagen amerikanischer Beamter und übernimmt binnen Sekunden die Gesprächsführung. Statt defensiv zu reagieren, dreht er die Perspektive und stellt selbst Fragen. Die Geschwindigkeit, mit der er Wahrnehmung analysiert und sprachlich kontert, ist bemerkenswert - und deckt sich mit der Beschreibung, dass er Menschen in kürzester Zeit „lesen“ konnte.
Bemerkenswert an dieser Szene ist nicht die Provokation, sondern die kognitive Geschwindigkeit, gerade unter Druck. Unterweger befindet sich nicht in einem gemütlichen Gespräch, sondern in Handschellen vor einem Gerichtssaal in Begleitung zweier Beamter. Er ist in einer hochgradigen Stresssituation, steht unter Beobachtung - und dennoch kombiniert er Informationen binnen Sekunden, erkennt Zusammenhänge und übernimmt sprachlich die Führung. In einer Situation, die für die meisten Menschen massiven Stress bedeuten würde - Verdacht, Beobachtung, öffentliche Aufmerksamkeit reagiert er nicht defensiv, nicht fahrig, nicht verzögert.
Diese geistige Schnelligkeit ist kognitiv bemerkenswert. Nicht als moralische Qualität - sondern als kognitive. Gerade unter Druck zeigt sich oft, wie stabil ein Mensch wirklich ist. Und hier wird sichtbar, was Margit H. mit dem „30-Sekunden-Scan“ meinte.
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Intelligenz, Präsenz und strategischem Denken, die erklärt, warum er bis heute fasziniert - und warum eine bloße Reduktion auf das Etikett ,,Serienmörder" analytisch unzureichend bleibt.
Unterweger nahm sehr genau wahr, bei wem seine kommunikative Strategie nicht griff. Und dass er auf diese Irritation nicht mit Rückzug reagierte, sondern mit Angriff. Sprache verlor hier ihre verbindende Funktion und wurde zum Mittel der Abwertung.
Ob in Interviews, Live- Sendungen, die er aus der Ferne kommentierte oder Gerichtssälen - Unterweger wusste sofort, bei wem sein sprachliches Werkzeug wirkte, bei wem es stockte und wo er gegen Widerstände ankämpfen musste. Selbst Personen, die ihm kritisch gegenüberstanden - wie Moderatoren oder Ermittler - spürten seine Wirksamkeit: Er konnte fachlich überzeugen, Emotionen erzeugen und Menschen auf einer Ebene erreichen, die über Fakten hinausging.
Dass diese Wirkung keine bloße Einbildung war, zeigt eine Szene aus der Begutachtung bei Dr. Reinhard Haller.
Während Dr. Haller Jack Unterweger einen umfangreichen psychologischen Fragebogen ausfüllen ließ, legte dieser ihm zur Überbrückung die zwischenzeitlich eingetroffene Fanpost vor - mit der beiläufigen Bemerkung, damit es ihm nicht langweilig werde.
Die Briefe kamen von Frauen unterschiedlichsten Alters und Hintergrundes. Bewunderung, Mitgefühl, romantische Projektionen. Darunter befand sich sogar ein Schreiben einer über achtzigjährigen Ordensschwester.
Diese Szene ist mehr als eine Kuriosität. Sie zeigt, wie hochgradig wirksam Unterweger war. Während Fachleute versuchten, seine Persönlichkeit zu analysieren, wurde er im Außen idealisiert. Während man ihn psychologisch einordnete, wurde er emotional erhöht.
Diese Diskrepanz zwischen Analyse und Anziehungskraft ist kein Nebenaspekt - sie ist zentral.
Sie erklärt, warum er sich auf medialen Bühnen so sicher bewegte, warum Live - Zuschaltungen funktionierten, warum Gerichtssäle zeitweise an Popkonzerte erinnerten. Sie erklärt aber auch, warum Warnzeichen lange nicht eindeutig wahrgenommen wurden: Wer Sprache so präzise einsetzt, kann Nähe erzeugen, ohne sich selbst preiszugeben.
Abseits der Bühne
Wer Jack Unterweger ausschließlich über seine Taten definiert, übersieht jene Widersprüche, die ihn für viele so schwer einzuordnen machten. Dazu gehört auch etwas, das in keiner Anklageschrift Platz hat - aber in den Erinnerungen vieler sehr wohl: seine Zuneigung zu Tieren, insbesondere zu seiner Schäferhündin Joy.
In Mordsmann finden sich Szenen, in denen er mit Joy durch den Wienerwald streift. Keine große Inszenierung, kein Publikum, keine Bühne. Ein Mann, ein Hund, Bewegung, Stille. Wer diese Passagen liest, sieht keinen Dämon, keinen kalkulierenden Täter - sondern einen Menschen, der Nähe zulässt, Verantwortung übernimmt, Zuwendung zeigt. Die Momente mit Joy offenbaren eine Seite von ihm, die anders ist als die öffentliche Figur oder die Ermittlerberichte. Er zeigt Fürsorge, Routine und emotionale Bindung, die nicht destruktiv ist. Wer diese Passagen liest, erkennt, dass seine Persönlichkeit nicht eindimensional war - dass in ihm auch eine alltagsfähige, bindungsfähige Seite existierte.
Joy macht sichtbar, dass er nicht nur zerstörerisch war. Dieses Bild kontrastiert deutlich mit der medialen Bühne, auf der er sich inszenierte, und macht spürbar, wie komplex und facettenreich seine Persönlichkeit war.
Joy, die Wienerwald-Spaziergänge und seine sprachliche Meisterschaft zeigen eine Facette von Unterweger, die im öffentlichen Diskurs oft verloren geht: dass ein Mensch gleichzeitig liebevoll, analytisch, präsent und charismatisch sein konnte - und trotzdem zu Taten fähig war, die jeden moralischen Rahmen sprengten. Genau diese Spannungen - zwischen Charme und Zerstörung, Nähe und Manipulation, Präsenz und Flucht - machen ihn faszinierend und gleichzeitig schwer zu verstehen.
Dass Unterweger Hunde mochte, ist kein entlastender Umstand. Aber es ist ein menschlicher. Es zeigt, dass emotionale Bindungsfähigkeit vorhanden war - nur selektiv, nur dort, wo keine moralische Rückmeldung drohte.
Der Gerichtssaal als Bühne
Seine Wirkung auf Menschen zeigte sich auch in der medialen Inszenierung. In Mordsmann beschreibt der Journalist Severin Plum seine Ankunft am Landesgericht Graz mit einem Vergleich, der hängen bleibt. Er hatte über viele Prozesse berichtet - doch diesen Rummel kannte er nicht. Die Stimmung erinnerte ihn weniger an eine Gerichtsverhandlung als an den Weg zu einem Popkonzert.
Vor dem Gebäude hatten sich Menschen versammelt. Transparente wurden hochgehalten. ,,Freiheit für Jack!“ stand auf einigen. Andere forderten Gerechtigkeit für die Frauen.
Die Meinungen waren gespalten - laut, sichtbar, emotional.
Als Jack Unterweger den Gerichtssaal betrat, geschah dies mit immensem Rummel und Aufmerksamkeit. Noch bevor er zu sehen war, nahm Plum ein Flüstern wahr, ein Raunen, ein verdichtetes Interesse. Unterweger erschien nicht als anonymer Angeklagter, sondern als bekannte Figur. Fotografen richteten ihre Kameras auf ihn, er posierte, lächelte, wirkte nicht eingeschüchtert.
Diese Szene ist bemerkenswert, weil sie nichts mit Schuld oder Unschuld zu tun hat - sondern mit Wirkung. Der Gerichtssaal wurde zur Bühne, das Verfahren zum öffentlichen Ereignis. Unterweger wusste, dass nicht der gesamte Raum entscheidend war, sondern die Geschworenenbank. Und er wusste, wie man wahrgenommen wird.
Selbst professionelle Distanz war nicht immer unberührt von seiner Wirkung. Auch seine Verteidigerin Astrid W. beschrieb später die besondere Intensität seiner Persönlichkeit.
Das ist kein Vorwurf und keine Schwäche -sondern ein Hinweis darauf, wie stark seine Präsenz war. Unterweger konnte Nähe herstellen, Vertrauen erzeugen und Menschen emotional binden.
Diese Fähigkeit war nicht oberflächlich. Sie war strukturell.
Der Prozess war nicht nur juristisch - er war medial, emotional, gesellschaftlich aufgeladen. In dieser Atmosphäre entstand jenes Bild, das später mit dem Begriff „Popstar unter den Mördern“ beschrieben wurde. Nicht als Zuspitzung, sondern als Beobachtung eines Phänomens: eines Menschen, der selbst im Moment der Anklage Aufmerksamkeit band und Resonanz erzeugte.
Auffällig ist, dass Jack Unterweger in den entscheidenden Phasen des Verfahrens nicht den naheliegendsten Weg wählte. Anstatt ein schlichtes, nicht überprüfbares Alibi anzugeben - etwa den Aufenthalt allein in seiner Wohnung -, benannte er konkrete Personen und zog freiwillig Alibizeugen hinzu. Diese Entscheidung erwies sich rückblickend als fatal: Unter Eid widersprachen mehrere Zeugen seinen Angaben oder konnten sie nicht bestätigen. Damit belastete er sich selbst stärker, als es jede bloße Indizienkette vermocht hätte.
Diese Vorgehensweise wirkt nur auf den ersten Blick irrational. Warum behauptete Unterweger nicht einfach, er sei zur Tatzeit allein in seiner Wohnung gewesen? Warum zog er freiwillig Zeugen hinzu, die seine Aussagen später widerlegen würden? Aus analytischer Sicht ist dies ein Paradox. Offensichtlich vertraute er auf seine Fähigkeit, Situationen und Menschen zu steuern, auf seine sprachliche Präzision und sein Charisma. Er vertraute darauf, dass Präsenz, Sprache und Haltung Zweifel überlagern könnten. Die nüchterne Logik des Gerichtsverfahrens folgte jedoch anderen Regeln. Wo Unterweger auf Überzeugung setzte, zählte allein die Nachprüfbarkeit. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Ebenen wurde ihm letztlich zum Verhängnis.
Reue, Körpersprache, Kontrolle
In einem Interview aus der Haft in Miami bekannte er den Mord von 1974 und äußerte Bedauern.
Fachleute wie Dr. Reinhard Haller wiesen jedoch darauf hin, dass seine Körpersprache keine kongruente Reue erkennen ließ. Die verbale Ebene und die nonverbale Ebene fielen auseinander.
Auffällig war auch seine Reaktion, als ein Kameramann seine Handschellen filmte. Er reagierte verärgert. Nicht das Verfahren selbst schien ihn zu irritieren - sondern das Sichtbarwerden seiner Ohnmacht.
Für einen Menschen, dessen Identität stark über Kontrolle, Wirkung und Selbstinszenierung definiert ist, bedeutet das Bild der Fesselung mehr als juristische Realität. Es ist ein Bild des Machtverlustes.
Reue hätte bedeutet, sich selbst infrage zu stellen.
Er reflektierte, argumentierte, analysierte - doch er zerlegte nicht die eigene Position.
Zwischen Bedauern und Selbstkritik liegt ein Unterschied.
Der eine schützt das Selbstbild.
Die andere gefährdet es.
Die Tragik des verschwendeten Talents
Es gibt Fälle, die erschüttern durch Grausamkeit. Und manche Fälle erschüttern durch das, was sie hätten sein können. Jack Unterweger besaß etwas, das sich nicht erlernen lässt: Präsenz, Sprachgefühl, Timing, Instinkt für Wirkung, die Fähigkeit Menschen zu lesen und die Fähigkeit, sich selbst als Figur zu inszenieren. Nicht Lautstärke, nicht bloße Selbstsicherheit - sondern eine magnetische Dichte. Wenn er sprach, entstand Raum. Wenn er schwieg, blieb Spannung. Er verstand Rhythmus. Er verstand Wirkung. Er wusste, wann ein Satz fallen musste wie ein Vorhang.
Das ist kein Zufallstalent. Das ist Bühnenmaterial.
Er schrieb das Theaterstück Schrei der Angst, in dem er sich mit der AIDS - Problematik auseinandersetzte - einem Thema, das Anfang der 1990er gesellschaftlich stark tabuisiert war.
Das Stück behandelte Ausgrenzung, Angst und soziale Projektionen.
Dass ausgerechnet ein Mann, dem später extreme Gewalt vorgeworfen wurde, sich künstlerisch mit gesellschaftlicher Stigmatisierung beschäftigte, gehört zu den irritierendsten Widersprüchen seiner Biografie.
Er verstand gesellschaftliche Mechanismen.
Er verstand Außenseiterrollen.
Er verstand Narrative über Schuld und Ausstoßung.
Und doch blieb das Verständnis abstrakt - nicht moralisch integriert.
Er konnte sich selbst erzählen. Er konnte sich selbst inszenieren. Er konnte Biografie in Dramaturgie verwandeln. Er verstand Narrative nicht nur - er lebte in ihnen. Das Gefängnis wurde zur Kulisse der Läuterung. Das Interview zur Szene. Der öffentliche Auftritt zum Akt einer fortlaufenden Selbstschöpfung.
Genauso gut hätte er zum Film gehen können.
Er hätte jene Figuren gespielt, die zwischen Licht und Schatten stehen. Männer mit Rissen, mit Abgründen, mit gefährlicher Anziehungskraft. Er hätte das Dunkle in kontrollierte Form bringen können. Kunst ist schließlich gebändigte Intensität. Sie erlaubt Abgrund - aber sie begrenzt ihn.
Auf einer Bühne gibt es Regeln.
Im Film gibt es Schnitt.
Im Theater gibt es Applaus.
Applaus ist Zustimmung - aber er ist nicht absolute Macht.
Und vielleicht liegt genau hier der tragische Kern.
Die Bühne verlangt Kooperation. Sie verlangt Einordnung in ein größeres Ganzes - Regie, Ensemble, Text. Selbst der charismatischste Schauspieler bleibt Teil einer Struktur. Kunst ist Beziehung.
Doch er suchte offenbar etwas anderes.
Nicht Zustimmung.
Nicht Bewunderung.
Sondern Verfügung.
Sprachgewandtheit war kein Zufall. Seine mediale Intuition war kein Mythos. Er konnte Menschen lesen, spiegeln, beruhigen, verführen. Diese Fähigkeiten sind in einer integrierten Persönlichkeit wertvoll. In einer ungehemmten Struktur werden sie gefährlich.
Er war kein Mann ohne Begabung.
Er war ein Mann, dessen Begabung nicht durch eine stabile innere Grenze reguliert wurde.
Das ist der Unterschied.
Man kann Dunkelheit in Literatur verwandeln.
Man kann Schmerz in Kunst verwandeln.
Man kann sogar Gewalt in Fiktion bannen.
Doch dazu braucht es eine Instanz, die sagt: Bis hierhin.
Eine innere Grenze.
Fehlt sie, wird aus Gestaltung Kontrolle.
Aus Rolle wird Manipulation.
Aus Präsenz wird Machtinstrument.
Die eigentliche Tragik dieses Falles liegt daher nicht nur im Verbrechen.
Sie liegt im Missverhältnis zwischen Fähigkeit und Charakter.
Er hätte Figuren erschaffen können.
Stattdessen erschuf er Legenden über sich selbst.
Er hätte Abgründe darstellen können.
Stattdessen lebte er sie aus.
Und vielleicht ist das Erschreckendste nicht, dass er mordete.
Sondern dass er alles besaß, um nicht morden zu müssen.
Ein Mann mit Talent für die Bühne –
der sich entschied, die Realität zu inszenieren.
Und dort gibt es keinen Vorhang.

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